Was verstehen Sie unter arm oder reich?

Heute morgen war ich im Dorfzentrum zur Bank unterwegs, um mich mit Bargeld zu versorgen, als mich ein Mann ansprach – hinter ihm eine riesige Kamera und zwei recht junge Assistenten, denen das Nieselwetter ziemlich zusetzte.

„Was verstehen Sie unter arm oder reich“ war das Thema der Umfrage, die hier für irgendeinen Regionalfernsehsender aufgezeichnet werden sollte. Ich hab mich nicht vor die Kamera gestellt, sondern mich mit Zeitnot entschuldigt. Wer jetzt denkt, ich sei doch etwas feige, der irrt. Mein Problem war, dass ich bei diesem Thema wahrscheinlich in Rage geredet und eine Zweistundensendung ohne Punkt und Komma als Alleinunterhalter hätte füllen können. Und dafür hatte ich wirklich keine Zeit.

Trotzdem ist die Frage nach arm und reich natürlich berechtigt und anstelle des Standortes vor der Bank hätte ich mich als Kamerateam lieber mal vor dem Supermarkteingang platziert, um Leute zu interviewen. Offensichtlicher kann man meiner Meinung nach unseren Reichtum nicht visualisieren als als hier. Warum?

Es geht schon mit dem Parkplatz  los – fast jeder kommt mit dem Auto, wenige zu Fuß und noch weniger mit dem Fahrrad. Wer zu Fuß kommt, wohnt in der Nachbarschaft, wer mit dem Fahrrad kommt, will was für die Fitness tun. Die Autos ist durchschnittlich nicht älter als 10 Jahre, haben TÜV und eine Versicherung, dazu meist Sonderausstattung und ordentliche Kindersitze.

Im Eingangsbereich des Supermarktes ist eine Bäckerei, die je nach Wochentag mit extrem günstigen Sonderangeboten und Ware vom Vortag zum halben Preis wirbt. Brot, Brötchen, Kuchen – alles in verschiedenen Sorten (bis 20.00 Uhr). Weiter gehts zum Obst und Gemüse – hier ist die ganze Welt vertreten. Unsere Erdbeeren kommen im September aus Südafrika, Feigen aus Ghana, Äpfel und Kiwis aus Neuseeland.  Und wehe, die Bananen haben ein paar braune Punkte – dann werden sie für einen lächerlichen Betrag kiloweise verschleudert. Danach kommt nochmal Brot, noch billiger aus der Großbäckerei. In den Kühlregalen lagern unzählige Sorten Joghurt und Co. jeder Preisklasse. Kaum ist das Mindesthaltbarkeitsdatum auch nur auf dem gleichen Wochenkalenderblatt, wird die Ware abgepreist. Die Wurst- und Fleischtheke bezeugt die Massentierhaltung – wie sonst kommen solche Preise zustande? Dann gehts zu den Sonderaktionen. T-Shirts für 2 Euro, Schuhe für 9,99 Euro – alles kein Problem.

Kurzer Stop am Getränkepfandautomaten, der die Plastikflaschen hörbar schreddert – damit arme Chinesen die Schnipsel für einen Teller Reis nach Farben sortieren, wenn der Plastikrohstoff exportiert worden ist.

Konservendosen für Centbeträge – was bitteschön ist damit bezahlt? Hundefutter mit „besonders gutem Rindfleisch in Lebensmittelqualität“, Süßwaren sind billiger als Obst… vor der Kasse noch mehr Sonderangebote und dann die huldvolle Einladung: „Aufrunden bitte…“ -wofür das Geld verwendet wird, steht leider nicht dabei. Wer spendet da schon?

Wir stehen im Laden und fragen uns: „Was esse ich heute?“. Übersetzt heißt das  „Worauf habe ich heute Lust und Appetit?“, eventuell noch – „Was ist heute günstig und was mache ich draus?“.  Für jemanden, der arm ist, würde die Frage lauten: „Habe ich etwas zu essen oder muss ich hungern?“

Das ist nur ein Beispiel und würde vielleicht eine Viertelstunde Interviewzeit ausmachen. Wir sind reich, weil bei uns niemand so arm ist, dass er kriminell werden MUSS. Wir sind reich, weil wir ohne Angst frei wählen gehen dürfen. Wir sind reich, weil jeder seine Meinung frei kundtun kann.

Wir sind reich, weil wir unser Häuser nicht mit Stacheldraht sichern müssen.

Wir sind reich, weil wir nicht ums tägliche Überleben kämpfen müssen, sondern Freizeit haben

… es gibt so vieles, was unseren Reichtum ausmacht und weit über das übervolle Supermarktangebot hinausgeht. Das würde locker eine wöchentliche Talkshow füllen, falls ich dafür Zeit habe.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s