Wollefest in Leipzig 2015

Die Glashalle in Leipzig © Knit2Help

Die Glashalle in Leipzig © Knit2Help

Und schon ist es wieder vorbei, das Wollefest. Nach einigen Holpersteinen im Vorfeld wurde es trotz Unkenrufen wieder ein richtiges Fest.

Meine Mutter und ich, die das Projekt „Knit2Help“ dort erstmalig vorgestellt haben, hatten zwei superschöne Tage und sind wirklich glücklich, wie gut alles gelaufen ist.

Aber von Anfang an:

Wir sind schon Freitag angereist und habe die Gelegenheit genutzt, unsere Ausrüstung am Nachmittag schon aufzubauen. Von einem Stand kann man angesichts einer wackligen Kleiderstange und ein paar Kleiderbügeln nicht sprechen und ich hatte eigentlich damit gerechnet, alles mit viel Klebeband regeln zu müssen.

Im Vorfeld hatte sich freundlicherweise Karin von Faden&Spiel in Klaffenbach einverstanden erklärt, dass wir uns mit in dem Workshopraum platzieren dürfen. Das erwies sich als sehr gute Entscheidung. Die „Businesslounge“, in der die Workshops stattfinden sollten, ist ein großer Raum mit Glaswänden, Tischen und Stühlen, sowie mehreren Nebengelassen mit Lümmelecken, Konferenztischen … und Kleiderständern und noch besser einer sehr stabilen Garderobe.

Etwas besseres hätte uns nicht passieren können, denn die Garderobe und drei Kleiderständer nebst unserer mitgebrachten Kleiderstange bildeten den perfekten Messestand, an dem die wunderschönen Tücher würdig präsentiert werden konnten. Was nicht aufgehängt werden konnte, packten wir auf den Tisch.

Unser Stand auf dem Wollefest © Foto: knit2Help

Unser Stand auf dem Wollefest © Foto: knit2Help

Unser Stand konnte sich sehen lassen. Kerstin und Nicole steuerten freundlicherweise auch noch eine Schneiderpuppe bei (und mussten diese wegen meiner Schusseligkeit auch noch mit der Straßenbahn transportieren – ohne Fahrschein natürlich).

Samstag morgen war wie immer erst einmal eine Invasion und es gab an den Kassen Stau ohne Ende. Da unsere Lounge im hinteren Bereich war, kriegten wir nur durch Anrufe davon was mit. Rund eine halbe Stunde später hatte sich der Stau aufgelöst und die Wolljägerinnen durchfluteten die Halle. Auch bei uns am Stand kamen die ersten um zu schauen, zögerten aber mit Käufen. Wir wurden nicht überrannt, aber es kamen durchgängig Neugierige durch die Tür. Viele erkundigten sich natürlich nach den Mustern und wollten Stricktipps, andere interessierten sich, wollten aber nochmal wiederkommen.

Camino Bubbles

Camino Bubbles

Der eindeutige Star war der Montblanc-graue Camino Bubbles. Er wurde von zwei österreichischen Wollhändlerinnen gekauft. Das Muster selbst hatte wahnsinnig viele Interessenten, weil es so außergewöhnlich ist.

Nun ging es voran – ein bayrische Käuferin entschied sich für das braune Seiden-Siena und das gelbe Ambrosia mit Farbverlauf für ihre Tochter und will es nächste Woche auf einer Hochzeit ausführen.

Manche Tücher hatten nicht die richtige Farbe oder das richtige Material (spezielle Angebote für Veganer hatten wir leider nicht), aber wo es passte, wurde auch gekauft.

Die schönste Geschichte gab es rund um den Trillian aus der „Paul“-Wollmeise. Eine Dame kam an den Stand und suchte sich verschiedene Tücher aus, war sich aber nicht sicher, was ihr stehen würde. Sie war ein Herbsttyp und hatte eine Farbvorliebe für orange und rot (zu sehen an Jacke, Schal und Brille).

In der Lounge ist hinter dem Tresen ein Spiegel und ich bot ihr an, dass sie einige Tücher dort umlegen und sich anschauen kann. Sie bat mich, mitzukommen und sie zu beraten. Am Spiegel vertraute sie mir an, dass sie eine Farbschwäche hat und deshalb auf Beratung und eine ehrliche Meinung angewiesen sei. Wir probierten verschiedene Tücher und sie entschied sich für das hellgrüne Salagou – es passte zu ihrer roten Jacke und zur orangefarbenen Brille und bot einen schönen Kontrast.

Ihr zweiter Favorit war der Trillian, allerdings sagte sie, sie hätte schon einen Strang Wolle gekauft und wollte sich so etwas eventuell selbst stricken. Ich solle ihr fair sagen, ob die Farben des Stranges eine Ähnlichkeit mit den Farben des Trillian haben. Hatten sie nicht – der Strang war wunderschön, ging aber eher in die smaragd-türkis und Meeresfarbenrichtung (also eher mein Beutschema als Sommertyp). Die Kundin war ganz enttäuscht, denn man hatte ihr am Wollstand gesagt, dass dies „ihre“ Farben wären.

Sie kaufte das Salagou und ich riet ihr, doch nochmal an den Stand zu gehen und nach einem Strang zu suchen, der dieses Maigrün enthält, wie es das Salagou hat. Ein paar Minuten später kam sie wieder und zeigte stolz den umgetauschten Strang, der nun wirklich „ihre“ Farben enthielt. Den Trillian hatte sie nun aber bedauerlicherweise nicht gekauft, dafür strahlte sie glücklich, dass sie vor einem Fehlkauf bewahrt wurde. Das ist ja auch was wert.

Trillian an seiner neuen Besitzerin  © Foto: Knit2Help

Trillian an seiner neuen Besitzerin © Foto: Knit2Help

Kerstin (darkturtle) fungierte als unser „Runway“-Model und ging stündlich mit einem anderen Tuch schaulaufen. Nach einer Runde mit einem bunten Tuch kam sie zurück und sagte, die Damen vom „Inclusio“-Stand hätten sie angesprochen und eine suchte ein buntes Tuch, aber in Herbstfarben. Also schickte ich sie mit dem Trillian nochmal los. Es war Liebe auf den ersten Blick und wenig später hatte der Trillian seinen Hals gefunden – perfekter hätte er niemandem stehen können als Mrs Inclusio!
So hat der Trillian seine Bestimmung gefunden und dazu noch einen sehr netten neuen Kontakt zustande gebracht.

Überhaupt wurde unser Stand mehr und mehr zur Kontaktbörse. Bei uns gab es Kuchen, es war kühl und schattig und man konnte sich wunderbar hinsetzen und gemeinsam stricken und klönen. So ging es auch am Sonntag weiter, wo es (leider) sehr ruhig war. Wir verkauften nur noch ein Tuch, hatten aber eine schöne Zeit.

Auch viele der Wollsponsoren vom letzten Jahr kamen auf einen Schwatz vorbei und schauten sich an, was aus ihre Spenden geworden war (sofern die Tücher noch nicht verkauft waren). Alle fanden es sehr toll, was wir in dem Jahr geleistet haben und ermutigten uns, weiter zu machen.

Das werden wir auch tun… im Herbst auf dem Ravelertreffen in Regensburg!

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Brot backen

Samstag vor einer Woche gegen 14.00 Uhr. Ich sitze auf meiner Couch, stricke ein bisschen und schaue mir auf TLC die Sendung „Zwei Brüder mit Geschmack“ an. (für alle, die es nicht kennen – das ist eine Koch/Backsendung mit zwei englischen Brüdern, einer ist Bäcker und einer ist Metzger und Koch. Die machen, was sie am besten können – kochen und backen).

Heute geht es um Brot und der eine Bruder zeigt, wie man Sauerteigbrot macht und das dies ja kinderleicht ist. Man müsse nur für den Sauerteig etwas Zeit einplanen, wenn man nicht wie er ein 56 Jahre altes Sauerteig-Familien-Glas mit unglaublichem Aroma besitzt. Ein bisschen rühren, ein bisschen kneten und ruckzuck holt er ein duftendes, lockeres Brot aus dem Ofen. Ich rieche es praktisch aus dem Fernseher heraus und mir läuft das Wasser im Mund zusammen.

Mein Interesse und mein Forscherdrang sind geweckt. Das Brot aus dem Supermarkt, dass doch recht oft kaufe, enthält ja soviel Malzsirup und selbst gebacken ist sowieso viel gesünder. Meine Mutter hat noch zwei Tüten Roggenmehl im Schrank, die mein Vater versehentlich letztes Jahr vor Weihnachten für die Plätzchen gekauft hatte.

Fünf Tage soll es dauern, bis der Sauerteig so weit ist. Da ich heute (wieder Samstag) backen will, lege ich am Dienstag los.

In einem großen Einmachglas Mehl und Wasser zu gleichen Teilen vermischen und es dem zukünftigen Sauerteig kuschelig warm machen. Also ab auf die Heizung (gleich neben den Wasserkefir).

Am ersten Tag tut sich nichts. Am zweiten Tag füttere ich den Teig morgens erneut mit Mehl und Wasser. Am Nachmittag kommt Bewegung in die Sache. Mein Neffe Simon, der auf Chemie steht,  wäre begeistert, denn es blubbert und arbeitet im Glas. Man riecht es auch schon, das Mehl-Wasser-Gemisch bekommt eine säuerliche Note.

Am Tag drei, das Glas ist schon mehr als halb voll, wieder füttern. Es arbeitet ordentlich und plangemäß.

Am Tag vier entwickelt der Sauerteig die Aktivität eines aktiven Vulkans und das Gefäß wird leider zu klein. Bis ich das realisiert habe, tropft der Sauerteig dramatisch wie Lava am Heizkörper herunter und bäckt sich zur Übung schon mal fest.

Heute am Samstag, ist der große Backtag. Ich suche nochmal das Rezept im Internet raus und vermische 800 g Roggen- und Weizenmehl mit 800 g Sauerteig. Dazu soll ein knapper halber Liter Wasser und etwas Salz. Der Teig sollte vor dem ersten Ruhen die Konsistenz von Rührteig haben. Nun gut, ich überlasse den Teig also sich selbst für eine Weile in der Hoffnung, dass er fester wird.

Wird er aber nicht. Nun geht es ans Kneten. Auf den eleganten Schwung, mit dem der Fernsehbäcker das Mehl auf der Arbeitsfläche verteilt (schön in Zeitlupe), verzichte ich lieber. Ich will nicht die ganze Küche putzen müssen.

Irgendwas stimmt mit der Teigrezeptur nicht und ich weiß jetzt, warum das Gluten im Mehl auch „Klebereiweiß“ genannt wird. Der Teig klebt trotz gut bemehlter Arbeitsfläche wie verrückt und lässt sich kaum von meinen Händen lösen. Ich sehe mich schon mit zusammengeklebte Fingern in einer Notaufnahme sitzen und mein Respekt vor der Bäckerzunft wächst von Sekunde zu Sekunde.

Nach einer guten halben Stunde und einem weiteren Pfund Mehl habe ich den Teig dann so weit, dass er sich zumindest gefahrlos in Brotform bringen lässt. Eine weitere halbe Stunde putze ich die Arbeitsfläche, bis ich das klebrige Zeug wieder abbekomme. (Meine Hände habe ich vorher mit Scheuermilch und der Spülbürste malträtiert). Komisch, das wird im Fernsehen nie gezeigt.

Nun soll der Brotteig nochmal gehen und das tut er zum Glück auch. Nun kann das Brot endlich in den Ofen. Irgendwie hab ich die Bemerkung meiner Mutter, die „nur mal gucken“ wollte, doch besser Backpapier drunter zu legen, nicht so ernst genommen für die bessere Belüftung  direkt auf den Gitterrost gesetzt.

Das Brotdesaster

Das Brotdesaster

10 Minuten später ist das Brot durch den Gitterrost gesackt und hat nun bereits eingebackene Scheibenrillen. Also befreie ich den Rost aus dem Brot, wende es und setze es auf ein Backblech. 1 1/2 Stunden später ist es braun und riecht auch gut, allerdings merkt man bei der Stäbchenprobe bereits, dass es sehr fest wird.

Der Anschnitt bringt Gewissheit – viel zu feucht, zu fest und „Schlief“. Die Kruste ist ganz lecker, der Rest ungenießbar. Offenbar ist die „Rührteig“-Konsistenz doch nicht so richtig gewesen und das Pfund zusätzliches Mehl hat es auch nicht gebracht.

Meine Mutter nickt verständnisvoll, will aber ihren Zahnersatz nicht gefährden und probiert deshalb die Kruste gar nicht erst.

Ich werde mein Brot also auch weiterhin beim Bäcker kaufen – die Zeit, die es braucht, um Brot zu Hause zu machen, kann ich sinnvoller nutzen. Heute mittag war da doch bei Enie van de Meiklojkes so ein nettes Rezept für Zimtschneckenauflauf…

Den Rest Sauerteig, der meine 56 Jahre andauernde Brotbackkarriere begründen sollte, habe ich entsorgt.

Dem Wasserkefir geht es übrigens gut – das aber eine andere Geschichte.

Und wieder ist Januar…

Der Monat Januar zählt definitiv nicht zu meinen Lieblingsmonaten. Lang, kalt, dunkel und teuer – das sind die vier Attribute, die mir zu Januar einfallen.

Weihnachten ist vorbei, die romantischen Schwibbögen in den Fenstern und die Lichterketten auf den Tannenbäumen verschwinden nach und nach. Die Fenster starren nun wieder teilnahmslos in die Dunkelheit hinaus.

Davon, dass die Tage bereits wieder länger werden, merke ich noch wenig. Vielleicht liegt es auch an der dicken grauen Wolkendecke, unter der es nicht hell werden will und die wahlweise Regen- und Schneeschauer bringen. Früher war Januar mal der kälteste Monat mit Pulverschnee und strahlend blauem Himmel. So hab ich es jedenfalls in Erinnerung.

Die Weihnachtsgeschenke sind ausgepackt und weggeräumt oder schon in Gebrauch und nicht mehr neu, das Weihnachtsgebäck schmeckt schon lange nicht mehr und eigentlich will ich auch ein bisschen abnehmen. Aber es muss ja noch weg, also wird es ohne großen Appetit noch gegessen.

Die Abbuchungen auf dem Konto treiben die Tränen in die Augen – alle Versicherungen langen kräftig zu und der „After Christmas Sale“ ist auch nicht spurlos vorüber gegangen.

Da kann man eigentlich nur zu Hause sitzen, fernsehen und handarbeiten.

Aber… bald blühen die ersten Schneeglöckchen und irgendwann kommt auch der Frühling. Darauf freue ich mich schon. Und dieses Jahr habe ich mir vorgenommen, die Osterdeko schon Anfang März aufzuhängen – damit ich richtig lange was davon habe.

 

 

 

 

 

Tücher spannen – so gehts!

Ein gespanntes Krokustuch in ganzer Schönheit.

Ein gespanntes Krokustuch in ganzer Schönheit.

Tücher und allgemein Stricksachen zu spannen mag lästig sein, aber es bringt die volle Schönheit des Musters erst richtig zur Geltung, das beim Stricken oft noch verborgen ist. Lacemuster entfalten sich besonders beeindruckend, kleine Unebenheiten im Gestrick verschwinden, aus einem kompakten Maschenbild wird ein luftig zarter Traum und ein kleines Tuch hat plötzlich eine ansehnliche Größe.

Leider muss man immer wieder spannen, wenn man das Strickstück erneut wäscht, aber bei Tüchern und Oberbekleidung ist häufiges Waschen gar nicht so oft nötig wie oft gedacht.

In vielen Anleitungen wird bei „Fertigstellung“ geschrieben, man solle das Strickstück einfach anfeuchten. Ich persönlich wasche es lieber, denn ich nehme das Strickstück oft mit bzw. hat man manchmal auch etwas unsaubere Hände oder das Garn hat einen eigenartigen Geruch. Sanft mit Wollwaschmittel oder Shampoo gewaschen, gut gespült und in einem Handtuch vorsichtig ausgedrückt macht das Spannen des gut duftenden Tuches richtig Spaß.

Lace mit Perlen - wunderschön zu sehen erst durch das Spannen.

Lace mit Perlen – wunderschön zu sehen erst durch das Spannen.

Zum Spannen eignen sich verschiedene Unterlagen. Ganz professionelle Strickerinnen haben spezielle Moosgummimatten, man kann jedoch auch Puzzlematten für Kinder oder einfach en Teppichboden nehmen. Ich spanne meine Sachen immer auf der Matratze des Gästebettes und lege ein Badetuch unter. Nimmt man ein gestreiftes oder kariertes Badetuch, so kann man das Muster gleich als Hilfslinien für gerade Kanten verwenden.

Man benötigt außerdem jede Menge Stecknadeln. Es gibt auch spezielle T-Pin-Nadeln, die jedoch relativ dick sind und evtl. schwer in die Unterlage eindringen können. Gut geeignet sind große Stecknadeln, die man im Klöppelzubehörhandel findet. Sie sehen aus wie überdimensionale Stecknadeln.

Hier wurden ausnahmsweise auch einmal Socken gespannt. (Muster: Blathnat)

Hier wurden ausnahmsweise auch einmal Socken gespannt. (Muster: Blathnat)

Bevor wir anfangen noch ein wichtiger Tipp: Unbedingt darauf achten, dass wirklich locker abgekettet wird, denn eine zu enge Kante wird auch durch das Spannen nicht weiter und es sieht dann nicht schön aus. Gerade bei Mustern mit Spitzen funktioniert das Spannen überhaupt nicht und das ist nach der Mühe des Strickens sehr enttäuschend.

Wichtig ist auch, dass sich Strickstücke zwar in eine beliebte Form ziehen und spannen lassen, diese aber nicht behalten, wenn nicht die Strickerei bereits so angelegt ist. Man kann also zwar nach oben oder unten einen Bogen spannen, jedoch wird dieser ist wieder begradigen, wenn das Strickstück eigentlich eine gerade Kante hat.

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Bei diesem Birdfoot Fern Tuch ist oben eine gerade und unten ein Bogen.

Und nun gehts los… je nach Tuchform fängt man mit einer gerade Kante (z.B. der langen Kante des Dreiecktuches) oder mit zwei Ecken (bei gebogenen Tüchern) an. Die Stecknadeln schräg gegen die spätere Zugrichtung stecken, damit sie nicht beim Ziehen „umkippen“.

Die Gerade mit möglichst vielen Nadeln befestigen, je mehr, desto gerader wird die Kante später. Dabei das Gestrick auf die gewünschte oder maximale Länge dehnen.

East Gable Shawl, hier sieht man die gerade Kante und die Spitzen, die mit Hilfe von Spannstäben fixiert wurden, sehr gut.

East Gable Shawl, hier sieht man die gerade Kante und die Spitzen, die mit Hilfe von Spannstäben fixiert wurden, sehr gut.

Alles befestigt? Dann geht es mit der gegenüberliegenden Seite weiter. Bei Dreiecken zieht man die Spitze bis zum maximalen Punkt und steckt sie fest (gern mit zwei Nadeln, denn hier ist der größte Spannungspunkt). Bei anderen Tuchformen fängt man ebenfalls in der Mitte an (Ausnahme sind gerade Schals, hier kann man an der Ecke anfangen und sich parallel zur ersten Kanten vorarbeiten).

Die Blattspitzen des Semele-Tuches sind ausgezogen, dazwischen kommen die "Leitern" zum Vorschein..

Die Blattspitzen des Semele-Tuches sind ausgezogen, dazwischen kommen die „Leitern“ zum Vorschein.

Beim Ausziehen des Gestricks sollte man nicht zimperlich sein, allerdings nicht ruckartig ziehen, sondern mit gleichmäßigem Zug dehnen, bis die Maximaldehnung oder die gewünschte Breite erreicht ist. Nun jeweils immer die Mitte der Kante dehnen und feststecken, also erst auf der Hälfte der Kante, dann die Viertel usw., bis die Kante komplett angepinnt ist. Sind im Muster Bogen oder Spitzen vorgesehen, dann steckt man diese auf die gleiche Weise nacheinander fest. Oft verschiebt sich die erste Kante etwas, wenn die zweite Kante gepinnt wird. Dann die ersten Nadeln nochmals nachkorrigieren.

Mit Spannstäben ausgezogene Seiten des Haselnuss-Tuches, oben hat das Tuch eine Rundung.

Mit Spannstäben ausgezogene Seiten des Haselnuss-Tuches, oben hat das Tuch eine Rundung.

Detail - ausgezogene kleine "Haselnuss-Spitzen"

Detail – ausgezogene kleine „Haselnuss-Spitzen“

Ist die Form zufriedenstellend, dann einfach trocknen lassen und dann die Nadeln wieder entfernen. Je nach Garn kann dies einige Stunden oder Tage dauern. Nicht zu empfehlen ist es, das Gestrick zu dämpfen, da die Maschen dabei platt gedrückt werden und nicht mehr plastisch sind. Es besteht auch die Gefahr, empfindliche Garne zu versengen und damit das wertvolle Stück zu ruinieren.

Man kann auch Spannstäbe benutzen – Draht oder dünne Karbonstäbe von 1-2 mm Durchmesser. Diese erleichtern das gleichmäßige Ausziehen des Gestricks, ersetzen aber nicht die Nadeln, die reichlich verwendet werden sollten.

Ist die letzte Nadel entfernt, dann ist es geschafft und das Strickstück ist fertig zum Tragen und zum Bewundern.

Messebesuch auf der h+h in Köln

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Auf die h+h (Hobby und Handarbeit) in Köln wollte ich schon immer mal und nun hat sich die Gelegenheit ergeben, weil wir den Messebesuch mit einem Verwandtenbesuch kombinieren konnten. Artesano sponserte freundlicherweise auch noch die Eintrittskarte, also nichts wie hin. Ich war am Samstag da, also dem mittleren Tag der dreitägigen Messe – Hardcorebesucher gehen alle drei Tage, Jäger und Sammler soll man angeblich sonntags nachmittags antreffen, wenn die Aussteller ihre Stände abbauen und nicht mehr alles wieder mitnehmen wollen.

Zunächst geht es erstmal super geordnet zu – Tagesticket mit Strichcode – Einlass 8.30 Uhr am Haupteingang, 9.00 Uhr dann am Eingang zu den Messehallen. Internationale Gesprächsfetzen rund um mich herum – viele Italiener, aber auch Japaner, Chinesen, türkische Aussteller – die Welt ist zu Besuch in Köln. Dazwischen eine nicht geringe Anzahl von Tuch-, Schal-, Pullover und Lanesplitter-Trägerinnen. Ein Mann mit Kugelbauch präsentiert stolz seinen quergestrickten Pullover – eindeutig Schoppel Zauberball in Regenbogenfarben. Hier ein „Leftie“, da ein andere Muster, das mir bekannt vorkommt. Dazwischen aufgerüschte Damen im Kostüm mit Pumps… wie die wohl den Tag überstehen? Image

Die zwei Messehallen haben jeweils zwei Etagen, die man über Rolltreppen erreicht. Schon beim Herunterfahren in Halle 5.1 lässt sich das Pensum erahnen, das ich absolvieren muss, wenn ich alle Stände sehen möchte. In 5.1. regiert das Handstrickgarn und allen voran „MyBoshi“ – die sind wirklich überall und haben sich flächendeckend auf der Messe breitgemacht. Schon im Eingangsbereich steht ein riesengroßer MyBoshi-Knäuel sowie ein gehäkelter Kaktus. Bemützte hippe junge Leute rennen überall herum, man fährt direkt auf den Stand am Fuß der Rolltreppe zu.

Aber auch die anderen Anbieter haben ordentlich aufgerüstet – Lang, OnLine, Lana Grossa, verschiedene italienische Marken… hier ist alles vertreten. Schnell wird klar, dass diese Handarbeitswelt und die Welt der Handfärbereien zwei verschiedene Universen sind. Hier regiert die Masse – klotzen statt kleckern und an den Messetagen wird der eine oder andere kleine Millionendeal abgeschlossen werden. Die Auftragsbücher liegen bereit, wuselige Verkäufer warten auf ihre Gelegenheit, den interessierten Messebesuchern ihre geheimen Bestellwünsche zu entlocken.

Ich suche meinen „Gastgeber“ Artesano und finde den geräumigen Doppelstand strategisch günstig gegenüber einer Kaffeebar. Tom und Jenny Coomber heißen mich gleich herzlich willkommen. Viel Zeit zum einem Gespräch haben wir nicht, denn heuschreckengleich fallen die Kunden in den Stand ein und bilden im zentralen Bereich kleine Trauben um den Aufsteller von „Artyarns“ herum. Warum, wird schnell klar. Diese Garn ist einfach zu schön – Pailletten und Perlen, flauschige bunte Stränge und tolle Farben. Das will natürlich jeder Händler aus der Nähe sehen und auch mal anfassen. Überhaupt haben es die Leute mit dem Anfassen… Tom winkt ab. Das ist normal, sagt er. Oft räumen die Leute für die Bestellungen erstmal das halbe Regal aus, um alles genau anzusehen und vor allem die Qualität zu befühlen. Kann ich verstehen… ich mache es ja auch nicht anders und in einem ruhigen, unbeobachteten Moment muss ich die Artyarns-Stränge natürlich auch durch die Finger gleiten lassen. Mmmm… so weich und so bling, bling. Jenny zeigt mir noch eins der neuen „Kits“ – kleine Metallboxen mit verschiedenen kleinen und einem großen Strang, farblich abgestimmt für ein Tuch. Ein kleines Schatzkästchen, dass man sich am liebsten als Dekoration in die Vitrine stellen möchte. Auch die Bündel der Alegria und Silk Blend Garne verleiten zum Anfassen und in die Aran, Alpaka und Linen Silk-Fächer möchte ich beide Hände reinstecken und einfach das Garn streicheln.

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Genug gekuschelt… ich lasse Jenny und Tom allein und mache mich auf die PIrsch nach interessanten Anbietern. Der Stand von Opal fällt besonders auf – Opal hat ihn wie einen Dschungel gestaltet – grüne Wollbobbel hängen wie Lianen von den Standsäulen und überall liegen Socken und bunte Knäule wie Blumen in tropischen Farben herum. Die Regenwald-Aktion scheint immer noch gute Umsätze und damit Spenden für das Projekt zu bringen und ist so etwas wie das Markenzeichen für Opal geworden. Image

ImageAls „Pseudofachbesucherin“ traue ich mich nicht, alles genau in Augenschein zu nehmen, um nicht den Vertretern in die Finger zu geraten, die mir gern eine LKW-Ladung Garn verkaufen würden, aber von schaulustigen Nichtkäufern genervt sind. Ich tingele von Stand zu Stand, schaue mir Modelle und Auslagen an und merke recht schnell eine leichte Reizüberflutung. Im Obergeschoss finde ich zahllose Anbieter von Kreuzstichbildern, einen belagerten Stand des OZ-Verlages, Nähmaschinen, Strickmaschinen und und und.. sogar einen Automaten für Strickzubehör gibt  es- falls mal ein Notfall eintritt. Es gibt fast nichts, was es nicht gibt. Am Stand von Pracht Creative geht es hoch her – hier kann man günstig Bastelzubehör auch kaufen.

Nur wenige Stände bieten Kaufmöglichkeiten an und sind dementsprechend belagert. Jenny erzählt mir später, dass einige Kunden richtig gebettelt haben, um 2-3 Stränge Artyarns direkt mitnehmen zu dürfen, aber da die Vorräte begrenzt sind, wollten Tom und Jenny sie nicht direkt verkaufen, sonst ist der Stand am Samstag Nachmittag leergefegt und die Besucher am Sonntag kriegen nichts mehr zu sehen.

Um 13.00 Uhr besuche ich die Modenschau der „Initative Handarbeit“. Vor Beginn präsentiert Frau Probst-Bajak, die Leiterin der Initiative, die Zahlen der Branche und die sind echt beeindruckend – Umsätze in Milliardenhöhe und  zweistellige Zuwächse jedes Jahr. Über 60 % aller deutschen Frauen machen (wieder) Handarbeiten. Die Kunden werden immer jünger – vielleicht eben auch wegen „MyBoshi“. Ich finde das wirklich super, denn in den vergangenen Jahren waren Handarbeiten ja immer als „spießig“ und „omamäßig“ verpönt. Sie erleben eine wahre Renaissance und der Trend hält weiter an. Image

Trends gab es dann auch bei der Modenschau der verschiedenen Mitglieder der „Initiative Handarbeit“ zu sehen. Alles in allem sind die meisten Modelle eher bodenständig, ausgeflippt war nur mal eine gestrickte Latzhose, die das Model wie ein Kuscheltier aussehen ließ. Dicke Aranzöpfe, Lochmusterpullover und Strickjacken – senfgelb und petrol und wollweiß, dazu ein paar Frühlingsfarben – hübsch, aber nicht sehr aufregend neu und innovativ. Vermutlich trifft das aber den Nerv der Strickerinnen – Mode, die auch in zwei oder drei Jahren noch tragbar ist und nicht zu sehr aus dem Rahmen fällt. Wenn man sich viel Mühe beim Stricken macht, soll es ja lange tragbar sein.

Ich muss mich erstmal eine Weile setzen und treffe im Übergangsbereich in der „Schnellstrickmeisterschafts“-Lounge auf Annette aus Erfurt (knittinganni), die mit einer Wollgeschäft-Freundin unterwegs ist. Spontan beschließen wir, an der Meisterschaft teilzunehmen. In 3 Minuten sollen möglichst viele Maschen an einem Sockenschaft gestrickt werden. Suboptimal – trotz „Warmstrickens“ wollen die fremden Nadeln und das Garn nicht richtig rutschen – 140 Maschen, die Tagessiegerin bringt es wohl auf 240. Nun ja, wir können das Ganze ja nochmal üben und das nächste Mal bringe ich meine eigenen Karbonnadeln mit, die wesentlich besser flutschen. Man kann ja auch noch etwas trainieren.

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Direkt nebenan ist ein Interview mit Arne und Carlos im Gange – die beiden sympathischen Norweger haben mehrere Bücher veröffentlicht (Julekuler, Strikkedukker usw) und promoten gerade ihr neuestes Werk „Gardenstrikk“. Der Rummel ist ihnen etwas unangenehm – Sicherheit bietet das Strickzeug in der Hand, mit dem die beiden auch beim Antworten unablässig weiterstricken.

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Zurück am Artesano-Stand ist die erste Woge vorbei und Tom und Jenny genießen ein paar ruhige Minuten.Wir unterhalten uns über die Website, die Präsentation der Designs auf den Fotos und vieles andere. Mir wird klar, dass die beiden nicht nur das Garn vertreiben, sondern sich auch um Designs und Werbung, um Broschüren und Mailings kümmern. Und natürlich wollen alle Händler so schnell wie möglich ihre bestellte Ware haben. Tom ist sieht äußerst zufrieden aus – die Kunden haben gut bestellt und etliche neue Kontakte sind zustande gekommen. So soll das sein, sonst würden sich der Aufwand und sicher auch die hohen Kosten für die Messeteilnahme nicht lohnen.

Apropos hohe Kosten: Wer die h+h besucht, sollte etwas zu essen und zu trinken mitbringen. Die Preise sind eindeutig überteuert und die Qualität des Essens ist eher Kantinenniveau. An einigen chinesischen Ständen haben sich deshalb die Händler was vom „Chinesen“ liefern lassen.

Ich freu mich jetzt aufs Wollefest – nicht nur, weil man dann schon wieder Wolle anfassen kann, sondern auch, weil man ohne Tarnmantel und unauffällig wie ein Geheimagent zu den Ständen gehen kann. Vor allem aber – man kann direkt einkaufen. Außerdem gibts auf dem Wollefest viel mehr schöne Stricksachen zu sehen und Gespräche mit netten Trägerinnen.

Trotzdem – wer die h+h mal besuchen möchte und eine Eintrittskarte bekommt – es lohnt sich!

 

 

Warum ich mich bei Trostteddy e.V. engagiere

Es war Liebe auf den ersten Blick und es wurde eine lebenslange feste Beziehung daraus.

Ich war damals drei Jahre alt und entdeckte sie in einem Schrank. Eigentlich war sie als Weihnachtsgeschenk gedacht – eine blaue Schildkröte mit einem Kissen im Bauch und einem bunten Flickenpanzer. Meine Mutter hatte sie genäht.

Ich rief entzückt aus: „Meine Kröti!“ und von diesem Moment an hatte das Stofftier nicht nur einen Namen, sondern auch einen Platz in meinem Herzen. Kröti hat viel mit mir durchgemacht – die Hirnhautentzündung mit Krankenhausaufenthalt, den ersten Liebeskummer, die misslungene Führerscheinprüfung, Angst vor einer Operation…. unzählige Male habe ich sie in den Arm genommen und bin mit ihr eingeschlafen.

Die Zeit ist an Kröti nicht spurlos vorbeigegangen – der bunte Flickenpanzer wurde mehrmals repariert, kaputte Beine ausgetauscht, der Reißverschluss am Bauch neu eingenäht. Nur der Kopf (der zweite übrigens) darf nicht verändert werden, denn er ist ein Charakterkopf und macht sie „lebendig“.  Auch die Konkurrenz in Form von Monchichis und  anderen Plüschtieren muss Kröti nicht fürchten – diese kleinen Affären hielten nie lange an und Kröti kehrte stets wieder in mein Bett zurück, wo sie mich allabendlich heute noch begrüßt.

Die meisten von uns werden eine „Kröti“ haben, die ihnen Trost und Geborgenheit spendet. Jeder Mensch braucht etwas zum Liebhaben und Kinder ganz besonders, vor allem, wenn sie plötzlich in eine schwierige Lage geraten, einen Unfall und Schmerzen haben oder mit einem Todesfall konfrontiert werden. Oft müssen Kinder dann plötzlich an einen fremden, beängstenden Ort und das Kuscheltier sitzt zu Hause und ist nicht dabei.

Dann muss schnell ein Ersatzfreund her, ein Tröster, ein Mutmacher.

Trostteddy e.V. hat in den vergangenen Jahren über 20.000 Kuscheltiere an Kliniken, Arztpraxen und an Hilfevereine für trauernde Kinder gespendet und damit vielen Kindern ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert und einen neuen, treuen Freund geschenkt, der die schwierige Situation erträglicher machte.

So klein sie sind, so groß ist das, wofür die Teddies und Kuscheltiere stehen – Unterstützung, Liebe, Geborgenheit, ein Zuhörer, ein sicherer Halt.

Jeder Bär und jedes Tierchen, dass ich stricke, wird so ein Freund und deshalb engagiere ich mich mit meinen Stricknadeln und meiner Kreativität. Wenn auch du helfen möchtest, ist das auf vielfältige Weise möglich. Einfach losstricken – Sach- und Geldspenden werden gern entgegen genommen.  Weitere Informationen gibt es unter www.trostteddy.de

… denn

 Ein Kinderlächeln erhellt die ganze Welt!

Übrigens läuft im Moment eine Aktion, bei der Spenden auf dem Wollefest in Leipzig für Trostteddy gesammelt werden. Weitere Infos gibt es hier auf der Seite des Leipziger Wollefestes.

Was verstehen Sie unter arm oder reich?

Heute morgen war ich im Dorfzentrum zur Bank unterwegs, um mich mit Bargeld zu versorgen, als mich ein Mann ansprach – hinter ihm eine riesige Kamera und zwei recht junge Assistenten, denen das Nieselwetter ziemlich zusetzte.

„Was verstehen Sie unter arm oder reich“ war das Thema der Umfrage, die hier für irgendeinen Regionalfernsehsender aufgezeichnet werden sollte. Ich hab mich nicht vor die Kamera gestellt, sondern mich mit Zeitnot entschuldigt. Wer jetzt denkt, ich sei doch etwas feige, der irrt. Mein Problem war, dass ich bei diesem Thema wahrscheinlich in Rage geredet und eine Zweistundensendung ohne Punkt und Komma als Alleinunterhalter hätte füllen können. Und dafür hatte ich wirklich keine Zeit.

Trotzdem ist die Frage nach arm und reich natürlich berechtigt und anstelle des Standortes vor der Bank hätte ich mich als Kamerateam lieber mal vor dem Supermarkteingang platziert, um Leute zu interviewen. Offensichtlicher kann man meiner Meinung nach unseren Reichtum nicht visualisieren als als hier. Warum?

Es geht schon mit dem Parkplatz  los – fast jeder kommt mit dem Auto, wenige zu Fuß und noch weniger mit dem Fahrrad. Wer zu Fuß kommt, wohnt in der Nachbarschaft, wer mit dem Fahrrad kommt, will was für die Fitness tun. Die Autos ist durchschnittlich nicht älter als 10 Jahre, haben TÜV und eine Versicherung, dazu meist Sonderausstattung und ordentliche Kindersitze.

Im Eingangsbereich des Supermarktes ist eine Bäckerei, die je nach Wochentag mit extrem günstigen Sonderangeboten und Ware vom Vortag zum halben Preis wirbt. Brot, Brötchen, Kuchen – alles in verschiedenen Sorten (bis 20.00 Uhr). Weiter gehts zum Obst und Gemüse – hier ist die ganze Welt vertreten. Unsere Erdbeeren kommen im September aus Südafrika, Feigen aus Ghana, Äpfel und Kiwis aus Neuseeland.  Und wehe, die Bananen haben ein paar braune Punkte – dann werden sie für einen lächerlichen Betrag kiloweise verschleudert. Danach kommt nochmal Brot, noch billiger aus der Großbäckerei. In den Kühlregalen lagern unzählige Sorten Joghurt und Co. jeder Preisklasse. Kaum ist das Mindesthaltbarkeitsdatum auch nur auf dem gleichen Wochenkalenderblatt, wird die Ware abgepreist. Die Wurst- und Fleischtheke bezeugt die Massentierhaltung – wie sonst kommen solche Preise zustande? Dann gehts zu den Sonderaktionen. T-Shirts für 2 Euro, Schuhe für 9,99 Euro – alles kein Problem.

Kurzer Stop am Getränkepfandautomaten, der die Plastikflaschen hörbar schreddert – damit arme Chinesen die Schnipsel für einen Teller Reis nach Farben sortieren, wenn der Plastikrohstoff exportiert worden ist.

Konservendosen für Centbeträge – was bitteschön ist damit bezahlt? Hundefutter mit „besonders gutem Rindfleisch in Lebensmittelqualität“, Süßwaren sind billiger als Obst… vor der Kasse noch mehr Sonderangebote und dann die huldvolle Einladung: „Aufrunden bitte…“ -wofür das Geld verwendet wird, steht leider nicht dabei. Wer spendet da schon?

Wir stehen im Laden und fragen uns: „Was esse ich heute?“. Übersetzt heißt das  „Worauf habe ich heute Lust und Appetit?“, eventuell noch – „Was ist heute günstig und was mache ich draus?“.  Für jemanden, der arm ist, würde die Frage lauten: „Habe ich etwas zu essen oder muss ich hungern?“

Das ist nur ein Beispiel und würde vielleicht eine Viertelstunde Interviewzeit ausmachen. Wir sind reich, weil bei uns niemand so arm ist, dass er kriminell werden MUSS. Wir sind reich, weil wir ohne Angst frei wählen gehen dürfen. Wir sind reich, weil jeder seine Meinung frei kundtun kann.

Wir sind reich, weil wir unser Häuser nicht mit Stacheldraht sichern müssen.

Wir sind reich, weil wir nicht ums tägliche Überleben kämpfen müssen, sondern Freizeit haben

… es gibt so vieles, was unseren Reichtum ausmacht und weit über das übervolle Supermarktangebot hinausgeht. Das würde locker eine wöchentliche Talkshow füllen, falls ich dafür Zeit habe.